Hier also
Plakataktion
”Blood moves the body, hmmmm....” Tamara summte gedankenverloren die Melodie eines Liedes im Radio mit, während sie durch die Fensterscheiben nach draußen blickte. Straßenlaternen warfen Lichtinseln auf Häuser und Wege, auf offene Trinkhallen und Plakatwände. Die blonde Frau grinste. Schon seit Sonnenuntergang fuhren sie nun in Diandras rotem Porsche durch die Gegend. Die erfahrenere Vampirin wollte ihr unbedingt die besten Diskotheken im Ruhrgebiet zeigen, ”um dir Landei mal zu zeigen, was hier In ist!”
Großspurige Worte, die Diandra bisher noch nicht in die Tat umgesetzt hatte, obwohl sie schon durch Dortmund und Bochum gefahren waren. Immer wieder hatte die Schwarzhaarige im letzten Moment abgewinkt und es sich anders überlegt. "Nein, die ist zu spießig!" oder "Hier rennen nur Penner mit Vokohila mit oder ohne Oliba rum, die uns höchstens an die Wäsche wollen." oder "Die Leute schmecken einfach nicht, die kiffen mir zu viel."
Tamara warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Es ging bereits auf ein Uhr zu - gerade die richtige Zeit, um richtig loszulegen, denn ”die Nachtschwärmer schmecken am besten!”
Wenn nur Diandra sich endlich einmal entscheiden würde. Gelangweilt blickte die pummlige blonde Vampirin nach draußen und achtete nicht auf ihre Freundin, die über eine rot werdende Ampel fluchte. So hatte sie endlich Zeit auch mal in die Nacht zu schauen.
Da war ja schon wieder eines von diesen komischen Plakaten, die ihr schon eine ganze Weile aufgefallen waren, und sie sie wegen des Tempos nicht genauer hatte betrachten können. Es war eigentlich ziemlich primitiv - mit einem Portrait und ein paar Worten drauf, aber die Werbebotschaft brachte sie zum Kichern. Was da stand war auch zu lustig.
Sie prustete los und erregte so Diandras Aufmerksamkeit.
”Was ist denn jetzt schon wieder los?” fragte die Schwarzhaarige mit einer hochgezogenen Augenbraue, während sie wieder auf das Gas trat und mit aufheulendem Motor losbrauste.
”Ich amüsiere mich nur köstlich über ein paar Plakate”, meinte Tamara. ”Die sind mir das erste Mal in Dortmund aufgefallen, und seither habe ich die Dinger immer wieder gesehen. Drüben in Höxter hängen die noch nicht.”
”Wie?” Diandra schüttelte den Kopf. ”Seit wann interessierst du dich für Werbeplakate?”
”Seit ... Ach, da ist wieder eins. Dreh‘ mal um, damit du es dir in Ruhe anschauen kannst!” Tamara deutete auf den Straßenrand, und Diandra bremste mit quietschenden Reifen. Dann öffnete sie die Tür und stieg aus, lehnte sich an die Karosserie, während sie schmunzelnd das Plakat betrachtete. Tamara beugte sich über den Sitz zu ihr hin. ”Na, was habe ich dir gesagt? Warum sind wir bloß nie auf diese Idee gekommen? Die ist so dämlich, daß natürlich keiner von uns drauf gekommen ist!”
”Du hast recht!” Diandra lachte und ließ ihren Blick über das schwarz weiße Plakat gleiten, auf dem nur das Gesicht eines jungen Mannes zu sehen war. Den einzige Farbklecks auf dem Bild bildete ein rotes Kreuz, denn selbst die Schrift war monochrom gehalten.
”Mein Blut für Dich!”
Der Diskothekenbesuch war erst einmal vergessen. ”Den können wir auch noch in einer der nächsten Nächte nachholen!” war Diandras Kommentar, als sie wieder in den Porsche stieg. ”Wenn du mehr Plakate entdeckst, dann überlasse ich dir meinem süßen Studenten aus der WG über uns, und du mir deinen Sergej, wenn ich gewinne!”
Seitdem wetteiferten die beiden Vampirinnen darin, wer die meisten Plakate des Roten Kreuzes entdeckte. ”Ha, da ist wieder eines!” lachte Tamara, die den Vorteil hatte, als Beifahrerin nicht so sehr auf die Straße achten zu müssen, und deutete auf die Werbung, die diesmal eine Frau zeigte.
”18 zu 16 für dich!” knurrte Diandra. ”Aber warte nur ab, ich hole dich schon noch ein!”
”Bist du dir da so sicher?” Tamara rieb sich über die Nase. ”Langsam wird das aber langweilig. Es sind zwar verschiedene Personen, aber immer der gleiche Spruch.”
”Na ja, vielleicht haben die Sterblichen ja noch ein bißchen mehr Intelligenz als wir ihnen zutrauen. Ich könnte mir auch vorstellen ...” Der Wagen schlingerte ein wenig, als sie einem entgegenkommenden Taxi ausweichen mußte, das wie sie die Straßenmitte beanspruchte. ”Fick dich ins Knie!” gab sie mit einer obzönen Geste den nicht minder freundlichen Gruß des anderen Fahrers zurück – und stieg im nächsten Moment heftig in die Bremsen.
”Aua!” maulte Tamara - mehr aus Reflex, als daß es ihr wirklich wehgetan hätte, und schüttelte den Kopf. ”He, mußte das denn sein?”
Diandra winkte ab. ”Sei nicht so wehleidig, schau‘ lieber mal nach draußen!” Sie schaltete den Scheinwerfer hoch, damit das Bild besser zu betrachten war. ”Ich finde, das Bild hier ist mindestens doppelt so viel wert wie die anderen!”
”Das kann doch nicht wahr sein! Das ist doch Michail.” Tamara pfiff erstaunt durch die Zähne. ”Wie hat er das bloß hingekriegt!”
”Keine Ahnung, aber was zählt ist doch, daß er’s hingekriegt hat! Mit der heutigen Technik ist das schließlich ein Kinderspiel! Laß dich photorealistisch malen und scan das Bild ein, leg einen fotofilter drüber, fertig! ” Breit grinsend musterte Diandra das Plakat, das sich scheinbar nicht von den anderen Plakaten der Blutspendeaktion unterschied, wenn man von ein paar Kleinigkeiten absah: Der Typ auf dem Bild war ein wenig blaßgesichtiger als die anderen Personen und wirkte irgendwie verschwommen, aber er war dennoch auffälliger als die anderen, was nicht zuletzt an den glänzenden Augen lag. Und irgendwie paßte der Spruch, der daneben stand viel besser zu ihm als zu den anderen.
”Dein Blut für mich!”
(Eine dumme Idee, entstanden während der entsprechenden Plakataktion vor ein paar Jahren )
(c) Januar '99
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Date: 2009-05-15 07:12 am (UTC)From:Ich kann mich zwar nicht mehr an diese Werbeaktion vom Roten Kreuz erinnern (obwohl ich eigentlich zu der Zeit regelmaessiger Blutspender war), aber das war mal ne originelle Variante. Vor allem die Beschreibung dann am Ende zum letzten Plakat hat mir gefallen ... *gg*
no subject
Date: 2009-05-15 10:03 pm (UTC)From: